Gesamtbewertung
Die Musikwirtschaft, oft auch als Musikindustrie oder Musikmarkt bezeichnet, ist durch ein vielfältiges Geflecht unterschiedlichster wirtschaftlicher Aktivitäten gekennzeichnet. Einige Grundmerkmale lassen sich benennen: Zum ersten existiert eine breite Musikszene, die in starkem Masse durch freiberuflich Tätige oder selbstständig erwerbende Musiker, Komponisten, darstellende Künstler, Kleingewerbetreibende usw. geprägt ist. Diese Kreativszene ist darüber hinaus mit semiprofessionellen Strukturen vermischt, die bis in den Bereich der aktiven Laienmusik oder Rock-, Pop- und Jazzmusik hineinragen. Zum zweiten verfügt die Musikwirtschaft über eine traditionell gewachsene, gewerbliche Unternehmensstruktur, die von der Musikinstrumentenproduktion über die Musikverlage bis zum Musikfachhandel reicht. Zum dritten bezieht sich der Begriff der Musikindustrie vor allem auf die Tonträgerindustrie, deren grösste Unternehmen allein verschiedene Wertschöpfungsstufen abdecken. Sie verfügen neben der Produktion einschliesslich der Verbreitungsrechte über ausgebaute Vertriebs- und Distributionssysteme, die ihnen eine zentrale Marktstellung in der Musikwirtschaft ermöglichen. Neben diesen drei marktwirtschaftlichen Grundmerkmalen gibt es noch den öffentlichen und gemeinnützigen Musik- und Theatersektor, der komplementär die Musikwirtschaft ergänzt.
Es zeichnet sich ein grundlegender Wandel der Beschäftigungsstruktur ab. Der moderaten Entwicklung von neuen selbstständigen Unternehmen und selbstständig Erwerbenden steht der dramatische Abbau von Filialbetrieben und abhängig beschäftigten Arbeitsplätzen gegenüber. Inhabergeführte Unternehmen oder Einpersonenunternehmen werden voraussichtlich noch stärker auf den Markt drängen. Diese werden in der Regel nur projektbezogene, punktuelle oder teilzeitbezogene Arbeitsplätze anbieten (können). Nach dem Arbeitsstättenabbau und der damit einhergegangenen Beschäftigungsreduzierung dürften zukünftig auch die kleinund mittelständischen Betriebe verstärkt auf mobil und flexibel einsetzbares Personal zurückgreifen. Neue existenzsichernde und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze werden selbst bei Major-Companies und Medienkonzernen vermutlich in naher Zukunft kaum noch entstehen. In der Folge wird sich die kleinstteilige Struktur in der Musikwirtschaft noch stärker ausbreiten. Einpersonenunternehmen, Atelier- und Bürogemeinschaften und Netzwerke der Kreativszenen prägen neben den gewerblich traditionellen Betrieben zukünftig den schweizerischen Musikmarkt.
Die Musikwirtschaft aus der Sicht der Eidg. Steuerverwaltung
Die Anzahl der Unternehmen und selbstständig Erwerbenden in der Musikwirtschaft (ohne phonotechnischen Markt) erreichte im Jahre 2005 einen Gesamtbestand von 1684. Zu ihnen zählen die «klassischen» Wirtschaftszweige wie der Musikfachhandel mit 291 Unternehmen, die Musikinstrumentenhersteller mit 221 Unternehmen, der Fachhandel für Tonträger usw. mit knapp 200 Unternehmen und der gemischte Wirtschaftszweig sowie sonstige Hilfsdienste (Konzertagenturen, Veranstalter, Tonstudios usw.) mit rund 200 Unternehmen zu den grössten Teilgruppen. Das mit Abstand grösste Segment bilden jedoch die Diskotheken, Dancings und Nachtclubs, die mit rund 450 Unternehmen ein Viertel des gesamten Unternehmensbestandes in der Musikwirtschaft ausmachen.
Im Vergleich zum Vorjahr 2004 stiegen die Unternehmenszahlen in der Musikwirtschaft lediglich um 0,8 Prozent an. Im Vierjahresvergleich zum Jahr 2001 ergibt sich ein Zuwachs von 4,0 Prozent. Damit verläuft die Musikwirtschaft insgesamt zwar in einer ruhigen Aufwärtsentwicklung, die jedoch durch unterschiedlich positive wie negative Veränderungen in einzelnen Wirtschaftszweigen geprägt wird. Kleine Tonstudios und Musikverlage drängen verstärkt in den Markt (Zuwachs: 23% im Vierjahreszeitraum), gefolgt von Betrieben des Theaters und der Musik (Zuwachs: 22% im Vierjahreszeitraum). Hier handelt es sich jedoch nicht um Zuwächse grosser Theater- oder Opern-Unternehmen, sondern um kleine und freie Theater- und Musikensembles, die meist im Verbund mit Konzertagenturen oder Veranstaltern die Konzert- und Festivalsegmente bedienen. Hingegen entwickelt sich die Lage im Musikfachhandel und Tonträgerhandel seit Jahren ungünstig. So verschwanden im Vierjahreszeitraum zwischen fünf und neun Prozent der Fachhandels-Unternehmen. Dieser Negativtrend hält seit Jahren relativ konstant an.
Der erzielte Gesamtumsatz der Musikwirtschaft lag im Jahre 2005 bei 2,1 Milliarden CHF. Die Entwicklung des Umsatzes in der Musikwirtschaft verlief deutlich besser als die Unternehmensentwicklung. Mit 8 Prozent Umsatzzuwachs zum Vorjahr 2004 und immerhin noch mit 5,2 Prozent Zuwachs zum Jahr 2001 lagen die Veränderungsraten deutlich im positiven Bereich. Vor allem für das Segment «Verlage von bespielten Tonträgern» wurden von der Eidgenössischen Steuerverwaltung nach Jahren des Rückgangs und der Stagnation bis 2004 für das Jahr 2005 explodierende Umsatzwerte angegeben. Allein zwischen 2004 und 2005 stieg das Umsatzvolumen der Verlage mit Tonträgern von 148 Millionen CHF auf 327 Millionen CHF und damit um 121 Prozent an. Dieser rasante Zuwachs rührt ausschliesslich von einem Anstieg des Exportumsatzes her, der sich zwischen 2004 und 2005 mit 27 Millionen CHF auf 228 Millionen CHF fast verzehnfachte. Vermutlich ist dieses exorbitante Umsatzplus allerdings eher durch eine statistische Umsetzung eines Medienkonzerns zu erklären, denn durch eine reale Marktentwicklung. So ergibt sich aus der Sicht von IFPI, dem zentralen Verband der Tonträgerindustrie, das gegenteilige Bild einer eher schrumpfenden Marktentwicklung, wie im unten dargestellten Verbandsportrait gezeigt wird.
Nach wie vor zählen die Segmente der Tonträgerindustrie (Verlage, Vervielfältigung und Detailhandel mit Tonträgern) zu den umsatzstärksten Wirtschaftszweigen, die zusammen 784 Millionen CHF und damit einen Anteil von 36 Prozent an der gesamten Umsatzleistung der Musikwirtschaft erzielten. Während der grösste Teil des Umsatzes im Einzelsegment der Tonträgerverlage durch den Export (von insgesamt 327 Millionen CHF sind 228 Millionen oder 70% Exportanteil) erwirtschaftet wurde, lag das Schwergewicht im Fachhandel beim Inlandsumsatz. Von den 354 Millionen CHF Umsatz, die der Fachhandel mit Tonträgern usw. im Jahre 2005 erwirtschaftete, kamen 304 Millionen CHF oder 86 Prozent aus dem Inlandsgeschäft mit CDs usw. Dieser Umsatz mit Tonträgerprodukten wird im Übrigen mit dem normalen Mehrwertsteuersatz von 7,6 Prozent belegt. Dies unterscheidet den Tonträgermarkt erheblich vom Buchmarkt, der Bücher, Zeitschriften usw. zu einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,4 Prozent verkaufen kann.
Zu den weiteren wirtschaftlich bedeutsamen Wirtschaftszweigen zählen die Diskotheken usw., die einen Umsatz von insgesamt 373 Millionen CHF (Anteil 18% an der Musikwirtschaft) erreichten, sowie der Musikfachhandel, der 299 Millionen CHF (Anteil 15% an der Musikwirtschaft) erzielte. Wie schon beim Tonträgerfachhandel ersichtlich, wird auch in diesen beiden Wirtschaftszweigen der überwiegende Teil der Umsätze im Inlandsgeschäft mit dem Normalsteuersatz von 7,6 Prozent erzielt (285 Millionen CHF bei Diskotheken, 229 Millionen CHF bei Musikhandel). Auffallend ist jedoch, dass in beiden Wirtschaftszweigen bereits ein nennenswerter Umsatzanteil von Kleinunternehmen stammt. Im verwandten Wirtschaftszweig der Musikinstrumentenproduktion liegt der von Kleinunternehmen erzielte Umsatz sogar bei über 20 Prozent. In sechs der zehn Wirtschaftszweige der Musikwirtschaft belegen die Kleinunternehmen bereits zweistellige Prozentanteile am Gesamtumsatz.
Ein weiteres besonderes Merkmal der Musikwirtschaft ist der auffallend hohe Anteil des sogenannten ausgenommenen Umsatzes in Höhe von 240 Millionen CHF oder einem Anteil von 12 Prozent. Dieser steuerfreie Umsatz entsteht in der Regel nur bei Betrieben und Einrichtungen, die überwiegend öffentliche Mittel (meist aus der öffentlichen Kulturförderung) erhalten. Hierzu zählen in der Schweiz vor allem die Orchester, Theater, Opernhäuser oder Musikschulen. Die in der Tabelle ausgewiesenen Wirtschaftszweige der «Orchester, Chöre usw.», der «künstlerischen Schulen» und des «Betriebs von Theatern, Opernhäuser usw.» weisen tatsächlich beim ausgenommenen Umsatz hohe prozentuale Anteile von 44 bis 61 Prozent aus. Die Umsätze dieser Kultureinrichtungen können nicht von den steuerpflichtigen Umsätzen getrennt werden, sodass hier eine relative Vermischung des privatwirtschaftlichen und des öffentlichen und gemeinnützigen Musiksektors gegeben ist.
Die Musikwirtschaft aus Sicht der amtlichen Statistik
Während die oben dargestellten Veränderungen zur Unternehmensentwicklung auf den Daten der Eidgenössischen Steuerverwaltung beruhen (Mehrwertsteuerstatistik), wird im Folgenden die Lage der Musikwirtschaft aus Sicht der amtlichen Statistik ergänzt. Wie die Daten der Eckdatentabelle ausweisen, existierten im Jahre 2005 insgesamt 2105 solcher Arbeitsstätten, die zusammen ein Beschäftigungsvolumen von insgesamt 14 014 Personen (Voll- und Teilzeit) aufwiesen.
Die Entwicklung der Arbeitsstätten in fast allen einzelnen Wirtschaftszweigen der Musikwirtschaft ist stark rückläufig und schrumpfte zwischen 2001 und 2005 um 14,6 Prozent. Lediglich die Wirtschaftszweige, die mit öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen durchsetzt sind, wie die «Orchester, Chöre usw.» und die «Theater, Opern usw.» weisen geringe Zuwachsraten von 1,0 bis 2,6 Prozent auf. Diese negative Gesamtentwicklung bei den Arbeitsstätten ist auch beim Beschäftigungspotenzial zu beobachten. Mit einem Minus von 6,7 Prozent gingen zwischen 2001 und 2005 knapp 400 Arbeitsplätze in der Musikwirtschaft verloren. Der Beschäftigungsschwund ist vor allem in den rein musikwirtschaftlichen Zweigen zu beobachten. Zweistellige Minusraten in der Tonträgerindustrie, im Musikfachhandel oder bei den Instrumentenherstellern machen deutlich, dass es im Vierjahreszeitraum zu einem dramatischen Arbeitsplatzabbau gekommen ist. Diesem Negativtrend steht die Entwicklung der gemischten, öffentlich finanzierten Wirtschaftszweige gegenüber, die im gleichen Zeitraum zwischen 10 und 12 Prozent an Personal zulegen konnten.
Neben dem Abbau von Filialbetrieben und Arbeitsplätzen wird immer deutlicher, dass die Unternehmensstruktur der gesamten Musikwirtschaft zum überwiegenden Anteil aus Kleinst- und Kleinunternehmen besteht. Auf der Basis der 2105 Arbeitsstätten der Musikwirtschaft konnten deren 2066 in Bezug auf ihre Grössenstruktur untersucht werden. Bei 52 Prozent dieser Arbeitsstätten handelt es sich um Büros, Geschäfte und Kleinstunternehmen, die ein bis zwei Personen beschäftigten. Es sind die typischen inhabergeführten Unternehmen. Weitere 28 Prozent beschäftigen bis zu fünf Personen je Arbeitsstätte. Die Arbeitsstätten mit bis zu zehn Personen haben einen Anteil am Gesamtbestand von 12 Prozent. Gerade die zentralen musikwirtschaftlichen Segmente, wie die Tonträgerverlage, die Musikinstrumentenhersteller sowie der Fachhandel mit Musikgütern weisen eine ausgeprägte Kleinstunternehmensstruktur auf. Zwischen 95 und 99 Prozent der Arbeitsstätten zählen zu dieser Kategorie. Umgekehrt verfügen lediglich 1 bis 5 Prozent über einen Personalbestand von mehr als 10 Personen je Arbeitsstätte.


